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Gadderbaum: Anno 1810 - Napoleon
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Burkhard Meier, Stefan Wiesekopsieker
Lippe 1908-2008. Beiträge zur Geschichte und Gegenwart der Heimatpflege
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1810 annektierte Napoleon, um die Kontinentalsperre gegen England zu
verschärfen, ganz Nordwestdeutschland. Die neue Grenze Frankreichs
verlief von der Festung Wesel am Rhein in fast gerader Linie so zur Ostsee,
daß Münster, Minden, Lüneburg und Lübeck zu Frankreich
kamen. Hatte man sich 1807 noch weitgehend an alte Grenzen gehalten und
ganze Kirchspiele oder Bauerschaften dem einen oder anderen Gebiet zugeteilt,
so betrieb man die napoleonische Leidenschaft, Wasserläufe zu Grenzen
zu machen, jetzt bis zum Exzeß. Nördlich des Teutoburger Waldes
bildeten Schwarzbach, Johannisbach und Aa die neue Grenze, so daß
die Kirchspiele Werther, Dornberg und Schildesche durchschnitten wurden.
Vom Kirchspiel Werther blieben die Bauerschaft Isingdorf, 16 Stätten
der Stadt Werther und 11 Stätten der Bauerschaft Schröttinghausen
beim Königreich Westphalen. Alles andere kam zu Frankreich. Vom Kirchspiel
Dornberg waren nur Deppendorf, das ganz französisch wurde, und Niederdornberg
betroffen, von dem 9 Stätten südlich der Grenze und damit weiter
in Westphalen lagen. Von Theesen, das sich früher weit nach Süden
über den Johannisbach erstreckte, blieben 12 Stätten, von der
Bauernschaft Schildesche 5 und von Brake 11 Stätten westphälisch.
Gellershagen blieb unberührt, und vom Wigbold (Weichbild = geschlossene
Ortslage) Schildesche fiel nur eine Stätte an Frankreich, aber Jöllenbeck,
Vilsendorf, Laar, Diebrock (und alles nördlich und westlich davon)
lagen nun in Frankreich. Die Grenze wurde durch Grenzpfähle markiert,
auf denen Buchstaben standen: Auf der einen Seite EF (Empire fancais) und
auf der anderen Seite KW (Königreich Westphalen). Die Bevölkerung
aber sagte EFKW: England forderts künftig wieder.
Die Grenze zerteilte Flächen von Bauernhöfen und sogar Hofstellen.
Die hiesigen Beamten haben sich wohl redlich bemüht, die gröbsten
Ungereimtheiten aus der Welt zu schaffen, aber daß muß sehr
schwierig gewesen sein, denn es hat lange gedauert: Der französische
Staat hatte die neue Grenze am 13.12.1810 beschlossen, aber erst am 20.
Nov. 1812 erließ Jérome, jüngster Bruder Napoleons und
König von Westphalens das Decret: "wodurch ... die Communal-Einteilung
dieses Districts (neu) festgesetzt wird". Zu diesem Zeitpunkt existierte
die Grenze in Wirklichkeit schon fast zwei Jahre. Ein Jahr später
war sie verschwunden wie das ganze Königreich Westphalen und die französische
Armee diesseits des Rheins.
Gleichwohl spielte diese Grenze in der Erinnerung der Menschen noch
lange eine wichtige Rolle, denn sie war auch Zollgrenze, und die mündliche
Überlieferung von Geschichten über die damalige, offenbar
lohnende Schmuggelei ist in manchen Familien bis heute nicht abgerissen.
Diese Grenze hat auch die hiesige Gebietseinteilung erheblich und nachhaltig
verändert: Südlich des Berges wurde ein neuer Canton Brockhagen
geschaffen, dem die Reste des Cantons Halle und, weil das nicht genügte,
auch das Kirchspiel Steinhagen zugeschlagen wurde, das immer zu Brackwede
gehört hatte, aber seitdem nicht mehr. Dafür wurde die Heeper
Senne, das Gebiet der heutigen Sennestadt, vom Canton Heepen zum Canton
Brackwede verlagert, was später auch nicht mehr rückgängig
gemacht wurde, und Diebrock, Eickum, Laar und Stedefreund, die immer zu
Schildesche gehört hatten, kamen später auch nicht wieder zurück.
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